Magdeburg, den 16. Januar 1945
Der 16. Januar 1945 war kühl, nicht bitterkalt, entnehmen wir
dem amtlichen Wetterbericht. Die Menschen gingen ihrem normalen
Alltag nach. Luftalarme, der Anblick von zerstörten Häusern
gehörten zur Normalität jener Tage, wie der Erwerb von
Lebensmitteln auf Karten oder die ständigen Durchhalteparolen
per Rundfunk. Die Menschen waren froh, daß sie in den letzten
Monaten kaum Luftangriffe erleiden mussten. Die Bomberpulks flogen
meist über die Stadt hinweg, um ihre Tod bringende Last nach
Berlin zu tragen. Am 1. und 14. Januar 1945 fielen in Magdeburg
Bomben. Opfer und Verletzte waren zu beklagen. Die Wucht und Stärke
dieser Angriffe waren dennoch vergleichsweise geringer als die Luftattacken
des Jahres 1944 auf Magdeburg. Die Angriffe der US-Air-Force im
fünften Kriegsjahr auf die Industriebetriebe Magdeburgs hatten
in der Stadt selbst große Schäden verursacht. Viele Menschen
kamen ums Leben. 1944 bombardierten amerikanische Flugzeuge zehnmal
die mitteldeutsche Stadt an der Elbe, die den Piloten naturgemäß
eine gute Orientierung bot. Vor allem der letzte Angriff am 7. Oktober
des Jahres 1944 war verlustreich.
Der Bombenhagel am 16. Januar hatte gegenüber allen anderen
Angriffen ein bis dahin in Magdeburg unbekanntes Ausmaß. Gegen
11 Uhr wurde Luftalarm gegeben. Es folgte der Angriff auf die Stadt.
Besonders schwer wurden die für die Rüstung produzierenden
Betriebe im Norden der Stadt und angrenzende Wohngebiete getroffen.
Nach dem Tagesanflug der amerikanischen Luftwaffe auf Magdeburg
glaubten die Einwohner, ihr „Opfer“ für diesen
Tag gebracht zu haben. Kein Mensch rechnete mehr mit einer weiteren
Attacke. Doch zum Zeitpunkt des Bombardements der US-Air-Force auf
Magdeburg trafen große Teile der britischen Luftwaffe Startvorbereitungen
für einen geplanten Nachteinsatz, dessen Ziel mit dem Codenamen
„Grilse“ (junger Lachs) angegeben war. Die Tarnbezeichnung
„Grilse“ stand seit langem auf einer geheimen Liste
geplanter Flächenbombardements.
„Grilse“ bedeutete Magdeburg. Die Bomberverbände
der Royal-Air-Force kamen in mehreren Formationen aus unterschiedlichen
Richtungen und ließen die sowieso schon nur noch schwache
Luftabwehr Hitlerdeutschlands lange im unklaren, welche Gebiete
angeflogen werden sollten. Viel zu spät wurde deshalb Magdeburg
als Angriffsziel erkannt. Das hatte zur Folge, dass fast gleichzeitig
mit dem Heulen der Sirenen die ersten Bomben detonierten. In mehreren
Angriffswellen überschütteten Hunderte von englischen
Flugzeugen die Stadt mit Luftminen, Brand- und Sprengbomben. Ein
Höllenfeuer fraß sich mit wütender Geschwindigkeit
durch die Straßen und erfaßte die Flüchtenden,
die Gebäude, die Bäume. Selbst der Asphalt auf den Straßen
brannte.
Die leidgeprüften Magdeburger schauten dem Untergang ihrer
Stadt fassungslos zu, trotzdem froh, dem Inferno lebend entronnen
zu sein. Viele verbrachten die Nacht erschöpft und frierend
unter den Brücken an der Elbe, die ihnen nun Schutz gaben,
oder auf feuerversehrten „Inseln“ im Trümmermeer.
Ohne Obdach und Trost war es den Magdeburgern in ihrer Stadt bitterkalt
geworden. Das Bild des Grauens prägte sich so stark in das
Gedächtnis der Überlebenden, daß nachfolgende Ereignisse
oder Eindrücke kaum Platz in der Erinnerung haben. Nur selten
erwähnen Augenzeugen der Zerstörung am Abend des 16. Januar
1945 spätere Bombardements. Immerhin erfolgten in den letzten
drei Kriegsmonaten noch weitere vierzehn Angriffe auf die Stadt,
fast die Hälfte aller als schwer oder mittelschwer einzustufenden
Luftattacken auf die mitteldeutsche Metropole. Die Fotos der aufgerissenen,
brandgeschwärzten Ruinenlandschaft und der zahllosen Opfer
sind erschütternde und mahnende Zeitdokumente, deren Aktualität
leider unvergänglich erscheint. Mit der Entscheidung des Krieges
hatte die Einäscherung Magdeburgs nichts mehr zu tun, eher
war es eine der längst geplanten, nur durch Zufälle immer
wieder herausgeschobenen Antworten der Alliierten auf den irrsinnigen
Krieg Deutschlands gegen die Völker Europas.
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